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Besser coachen? – Teil 2: Nervensystem und Coaching

26. Mai 2022

Wie du garantiert besser coachen wirst

Teil 2: Neurowissenschaftliche Grundlagen für Coaches


Warum kommt es mit klassischen Coaching-Ansätzen und Mindset-Arbeit häufig immer wieder zu Rückfällen in alte Muster?
Warum bringen die typischen Lösungsansätze für unsere Probleme, wie positive Affirmationen und mehr Disziplin dauerhaft überhaupt nichts?

Genau darauf sind wir in Teil 1 in unserer Serie "Besser coachen" eingegangen. 

Für echte Transformationen im Leben deiner Coachees oder auch in deinem eigenen Leben ist es NICHT ausreichend, nur darauf zu fokussieren, anders zu denken oder zu handeln.

Wir sind zu dem Schluss kommen, dass der Schlüssel zum Erfolg hier vielmehr darin  liegt, unser Sicherheitsbedürfnis zu stillen.
Und Sicherheit ist etwas, das im Körper - genauer gesagt - im Nervensystem verankert ist. 

Deshalb spielt das Nervensystem im Coaching eine große Rolle!
Und deshalb ist ein Grundverständnis der Neurowissenschaft für Coaches von enormer Wichtigkeit.

Vor allem, wenn es darum geht, nachhaltiger und effektiver zu coachen, ohne, dass deine Kunden immer wieder in alte Muster zurückfallen.

Ganz entscheidend für eine tiefgründige Transformation ist nämlich, in welchem Zustand sich das Nervensystem deiner Coachees befindet.

Um das zu verstehen, schauen wir uns heute die Funktionsweise und Aufgaben des autonomen Nervensystems an.

Außerdem gehen wir darauf ein, wie du konkret erkennen kannst, ob das Nervensystem deiner Coachees oder auch dein eigenes Nervensystem aus der Balance geraten ist.

Wie das autonome Nervensystem unser Leben beeinflusst

Unser Nervensystem beeinflusst viele Aspekte in unserem Körper und Gehirn.
Ein gut reguliertes Nervensystem hat Auswirkungen auf unsere körperliche Gesundheit, auf die Beziehungen zu uns selbst und anderen sowie auf unser Mindset und unsere Emotionen. Außerdem stärkt es auch unsere Intuition und unsere Selbstvertrauen.

Wenn das Nervensystem einen Einfluss auf all diese Aspekte in unserem Leben hat, kannst du dir wahrscheinlich schon vorstellen, welche entscheidende Rolle das Nervensystem im Coaching spielt.

Das Wissen darüber, wie das Nervensystem funktioniert und wie wir damit arbeiten können, bezeichnen unsere NESC Coaches deshalb immer wieder als das fehlende Puzzleteil in der Arbeit mit ihren Kundinnen und in ihren eigenen Transformationsprozessen.

Vor allem, wenn sie für sich selbst und auch mit ihren Coachees vorher schon vieles ausprobiert haben und am Ende doch nicht weitergekommen sind.

Und wenn wir tiefer in die Funktionsweise des Nervensystems und seine Aufgabe eintauchen, wirst du verstehen, warum das absolut Sinn macht…

Das autonome Nervensystem

Um zu verstehen, warum das Nervensystem im Coaching eine so große Rolle spielt, ist es wichtig zu verstehen, dass das autonome Nervensystem dafür da ist, unser Überleben zu sichern.
Und zwar autonom.
Also automatisch.
Ohne, dass wir darüber nachdenken müssen oder dass uns irgendetwas davon in der Regel bewusst ist.

Um das Überleben zu sichern oder zumindest unsere Überlebenschancen zu erhöhen, kümmert es sich vorwiegend um drei Bereiche:

  • Es steuert alle unwillkürlichen, aber lebenswichtigen körperlichen Prozesse wie z.B. den Herzschlag, die Temperatur, die Verdauung, die Atmung, die Zellregeneration uvm. - einfach, um uns körperlich am Leben zu halten
  • Es aktiviert bei Gefahr unseren sog. Überlebensmodus, so dass wir unsere Überlebenschancen durch das typische Kampf- oder Fluchtverhalten erhöhen
  • Es unterstützt uns dabei, soziale Kontakte zu pflegen und mit der Welt in Interaktion zu sein, so dass durch die Zugehörigkeit zu einer Gruppe unsere Überlebenschancen erhöht werden.

Dabei scannt das Nervensystem über einen Prozess, der sich Neurozeption nennt, quasi ständig unsere Umgebung und entscheidet je nach Situation, welche Aufgabe aktuell am wichtigsten ist, wenn es darum geht, uns am Leben zu erhalten.

Befinden wir uns an einem sicheren Ort und es ist keine Gefahr in Verzug, braucht es also keinen Überlebensmodus, so dass alle körperlichen Prozesse funktionieren und das Nervensystem dort Energiereserven bereitstellt.

Sobald aber Gefahr wahrgenommen wird, verschiebt das Nervensystem seine Priorität, reduziert alle körperlichen Prozesse und konzentriert sich jetzt über das Aktivieren des Überlebensmodus darauf, so viele Ressourcen wie möglich für einen Kampf oder eine Flucht bereitzustellen.


Das alles passiert so schnell, dass wir schon reagieren, noch bevor unser Verstand überhaupt mitbekommen hat, dass da eine Gefahr ist – und v.a. bevor er analysieren kann, was hier von statten geht.

Und das ist bei einer echten Gefahr auch gut so.

Deshalb springen wir automatisch zurück oder ziehen zumindest den Fuß weg, wenn wir beim Gemüse-Schnippeln unser Messer fallen lassen. Wir erstarren, wenn wir uns erschrecken – und so lange wir nicht wissen, was der Grund für den Schreck ist.

Bei Gefahr übernimmt also unser Nervensystem die Steuerung unseres Verhaltens – vollkommen unabhängig vom Verstand.


Problematisch wird das ganze einfach, wenn unser Nervensystem nur glaubt, dass irgendwo eine Gefahr herrscht, wo eigentlich gar keine ist.

Weil auch dann der Überlebensmodus aktiviert wird und das Nervensystem die Kontrolle über unser Verhalten übernimmt. Und leider empfindet es die von uns oder unseren Coachees gewünschten Veränderungen oftmals als gefährlich - da unbekannt - und wenn wir nicht mit dem Nervensystem arbeiten, übernimmt es eben auch im Veränderungsprozess die Verhaltenssteuerung und sabotiert dann am Ende - für uns vollkommen unbewusst - genau das, was wir uns eigentlich wünschen.

Dysreguliertes Nervensystem - Wenn das Nervensystem aus der Balance gerät…

Leider ist es heutzutage so, dass trotz einer relativ hohen objektiven Sicherheit, die individuell wahrgenommene Sicherheit im Nervensystem stark aus der Balance geraten ist (dysreguliert ist) - was dazu führt, dass das Nervensystem gar nicht mehr aus dem Überlebensmodus zurückfindet.

Das bedeutet, dass das Verhalten einer Person vollständig vom Nervensystem kontrolliert und gesteuert wird, um über Kampf- und Fluchtreaktionen das Überleben zu sichern.

Durch die ständige Alarmbereitschaft wittert diese Person auch in einer harmlosen Aussage einen persönlichen Angriff und setzt zur Gegenwehr an. Oder sie vermeidet Auseinandersetzungen vollständig, weil es als das Sicherste erscheint.

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So erkennst du, ob das Nervensystem deiner Coachees aus der Balance geraten ist

Wenn du immer noch glaubst, dass das zwar spannend ist, aber nichts mit dir oder deinen Coachees zu tun hat, wollen wir nun ein paar der Anzeichen auflisten, anhand derer du erkennst, ob das Nervensystem dysreguliert ist und damit sämtliche Energie für den Kampf oder die Flucht bereithält.

Dabei wollen wir noch mal in Erinnerung rufen, dass das autonome Nervensystem ja sämtliche unwillkürliche Prozesse im Körper steuert - die verständlicherweise auch darunter leiden, wenn das Nervensystem aus der Balance geraten ist.
Das Nervensystem kommuniziert aber auch mit dem Gehirn, so dass es auch einen Einfluss darauf hat, wie wir denken oder uns konzentrieren können.
Und es beeinflusst auch unser Gespür für uns selbst und andere.

Daraus ergeben sich folgende Anzeichen, die Aufschluss über den Zustand des Nervensystems geben und anzeigen, wenn das Nervensystem nicht mehr im Gleichgewicht ist.


Körperliche Ebene

  • Ständige Müdigkeit und Erschöpfung
  • Ein schwaches Immunsystem und schlechte Regeneration
  • Gestörte Körperwahrnehmung und häufig Ablehnung des eigenen Körpers
  • Hohe Irritierbarkeit und Gereiztheit 
  • Schlafstörungen und generelle Unruhe


Mentale Ebene

  • Schlechte Konzentrationsfähigkeit 
  • oft sorgenvolle Gedanken & Grübeln
  • Selbstsabotage in den Lebensbereichen:Beziehungen, Karriere, Geld, Gesundheit, Ernährung, …
  • Unentschlossenheit und kein Vertrauen in die eigenen Entscheidungen


Emotionale Ebene

  • Unterdrücken von Gefühlen
  • wenig Selbstbewusstsein
  • Unzufriedenheit mit sich selbst und Vergleiche mit anderen
  • Drama, Anfälligkeit für Trigger, Reizbarkeit und übertriebene Reaktionen


Soziale Ebene

  • disharmonische Beziehungen
  • Schwierigkeiten, klare Grenzen zu setzen
  • Eigene Bedürfnisse und auch die anderer werden nicht wahrgenommen
  • Toxische Beziehungsmuster


Spirituelle Ebene

  • kein Gespür für die eigene Intuition
  • kein Vertrauen in den eigenen Seelenweg
  • Abschweifen in die Vergangenheit - keine Präsenz im Hier und Jetzt
  • Gespür für den eigenen Körper fehlt


Erkennst du diese Symptome vielleicht bei deinen Coachees oder vielleicht sogar bei dir selbst wieder?

Dann liegt der Schlüssel zum Erfolg, um effektiver zu coachen, definitiv darin, die Arbeit mit dem Nervensystem im Coaching zu integrieren!
Die Arbeit mit dem Nervensystem deiner Kunden.
Aber auch mit deinem eigenen Nervensystem.

Denn als Coach ist der erste Schritt für ein effektiveres Coaching, das eigene Nervensystem in Balance zu bringen.
Befindet sich dein eigenes Nervensystem in einem regulierten Zustand, wird es für dich viel leichter, deinen Coachees den Raum zu geben, den sie brauchen, um zu SPÜREN und Gefühle zuzulassen, um ihr eigenes Nervensystem wieder in Balance zu bringen.

Warum gerät das Nervensystem überhaupt aus der Balance?

Die Ursachen dafür sind 

  • zu viel (chronischer) Stress, der sich im Nervensystem ansammelt und nicht abgebaut wird

  • unterdrückte Emotionen, die in uns schwelen und das Nervensystem immer in Alarmbereitschaft sein lassen

  • aber auch frühkindliche oder sogar vorgeburtliche Bindungs- und Entwicklungstraumata, durch die wir vielleicht gelernt haben, dass wir uns verstellen müssen, um in Sicherheit zu sein

  • und auch Schocktraumata wie Missbrauchserlebnisse oder Unfälle spielen eine große Rolle dabei, das Nervensystem aus der Balance zu werfen

Bei den meisten unserer Coaching-Kundinnen lässt sich sicherlich mind. einer dieser Punkte finden, wenn nicht sogar mehrere.

Und wie können wir jetzt das Nervensystem im Coaching integrieren?

Um in unserem Leben das zu erreichen, was wir uns wünschen, ist es wichtig, dass alle Teile des autonomen Nervensystems zusammenspielen und sich in Balance befinden. 

Wie wir gesehen haben:
Wenn der Überlebensmodus dauerhaft aktiviert ist, beeinflusst das unser Denken und Handeln ggf. so, dass Kommunikation und rationales Denken nicht mehr möglich ist.
Häufig verlieren wir auch die Verbindung zu uns selbst.
Die Erfüllung unserer Wünsche und Träume und der Zugang zu unserem wahren Selbst wird also fast unmöglich.

Deshalb ist es für eine tiefgreifende und anhaltende Transformation im Leben essentiell, das Nervensystem im Coaching mit einzubeziehen.

Denn insgesamt ist es so, dass nur ein reguliertes Nervensystem (bzw. ein Nervensystem, das sich sicher fühlt) wirklich in der Lage ist, Neues zu lernen und dauerhaft und tiefgreifend etwas zu verändern.

Fehlt diese Sicherheit, haben der Kampf oder die Flucht vor der Gefahr immer Vorrang und wir sabotieren unsere eigenen Ziele.

Und der Weg zur Sicherheit führt über das Nervensystem und vor allem darüber, Gefühle zuzulassen.

Und das funktioniert nur, wenn wir wirklich in unseren Körper hineinspüren und alles zulassen, was hochkommen will. Wir vermitteln unserem Nervensystem so, dass es okay ist, gewisse Gefühle zu fühlen und am Ende keine echte Gefahr besteht. 

Reine Mindset-Arbeit bringt hier gar nichts und führt dazu, dass deine Coachees immer wieder in ihre alten Muster zurückfallen.
SPÜREN UND ERLAUBEN ist als der Schlüssel, um effektiver zu coachen.

In Teil 3 unserer Serie erfährst du, wie es mit 4 simplen Schritten möglich ist, das Nervensystem deiner Kunden und dein Nervensystem wieder mehr in Balance zu bringen.

Wenn dich dieser Blogartikel jetzt neugierig auf das Thema Coaching mit dem Nervensystem gemacht hat, schau dir gerne unserer 3-teiliges Video-Training Die Neurobiologie echter Transformation an.

Darin tauchen wir noch tiefer in das Thema ein, wie du die Arbeit mit dem Nervensystem in dein Coaching integrieren kannst.


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